
Fasching, Karneval oder Fastnacht gelten als Ausnahmezeit. Rollen dürfen gewechselt werden, Hemmungen sinken, das Leben fühlt sich für ein paar Tage leichter an. Menschen flirten, lachen mehr, trinken mehr – und bewegen sich oft näher an persönlichen oder partnerschaftlichen Grenzen, als sie es im Alltag tun würden.
Gerade in dieser Zeit steigt die Sorge vieler Paare: Was, wenn etwas passiert?
Und auch die Suchanfragen zu Untreue nehmen rund um Karneval regelmäßig zu.
Doch was bedeutet Fremdgehen eigentlich – und warum scheint es gerade im Ausnahmezustand wahrscheinlicher?
Was ist Fremdgehen – und wo beginnen Grenzen?
Untreue ist kein eindeutig definierter Begriff. Für manche beginnt sie erst beim Geschlechtsverkehr, für andere bereits beim intensiven Flirt oder heimlichen Chatten. Forschung zeigt, dass Paare emotionale Untreue – also eine starke, intime Bindung zu einer dritten Person – häufig als ebenso verletzend oder sogar verletzender erleben als rein körperliche Kontakte.
Fremdgehen ist weniger eine objektive Handlung als eine Grenzüberschreitung innerhalb einer konkreten Beziehung. Entscheidend ist nicht, was „man“ darf oder nicht darf, sondern was die Partner:innen füreinander als verbindlich vereinbart oder stillschweigend vorausgesetzt haben.
Warum der Ausnahmezustand wirkt
Mehrere psychologische Faktoren spielen hier zusammen:
Alkohol senkt Hemmungen und reduziert die Fähigkeit, langfristige Konsequenzen mitzudenken.
Gruppendynamik verschiebt Normen – wenn „alle“ ausgelassen flirten, wirkt eigenes Verhalten weniger bedeutsam.
Rollenwechsel und Verkleidung können unbewusst das Gefühl erzeugen, „heute jemand anderes zu sein“.
Studien zu Selbstkontrolle und situativer Enthemmung zeigen, dass Menschen in stark emotionalisierten oder berauschenden Situationen eher impulsiv handeln und weniger an langfristige Beziehungsfolgen denken.
Das bedeutet nicht, dass Alkohol oder Karneval Untreue „verursachen“. Aber sie können bestehende innere Konflikte oder Bedürfnisse leichter an die Oberfläche bringen.Studien zu Selbstkontrolle und situativer Enthemmung zeigen, dass Menschen in emotional geladenen oder berauschenden Situationen eher impulsiv handeln und weniger an langfristige Beziehungsfolgen denken.
Fremdgehen hat selten nur eine Ursache
Untreue entsteht selten aus dem Nichts. Forschung zeigt, dass Affären häufig mit Beziehungsunzufriedenheit, unerfüllten Bedürfnissen oder geringem Commitment zusammenhängen – jedoch nicht zwangsläufig mit fehlender Liebe.
Manche Menschen suchen:
- Bestätigung und Begehrtheit
- Aufregung oder Lebendigkeit
- Ablenkung von innerem Druck
- oder eine Form von emotionaler Resonanz, die sie gerade vermissen
Das bedeutet nicht, dass Untreue gerechtfertigt ist.
Aber es hilft zu verstehen, dass sie meist ein Symptom ist – kein isolierter Ausrutscher.
Gerade im Fasching kann ein Flirt oder ein Kuss wie eine harmlose Episode wirken. Doch für die Beziehung kann er eine massive Bedeutung haben – vor allem, wenn Vertrauen erschüttert wird.
Was Paare vor solchen Ausnahmesituationen klären sollten
Konflikte entstehen oft nicht durch das Ereignis selbst, sondern durch unterschiedliche Erwartungen. Deshalb kann es hilfreich sein, vor Feiern oder besonderen Anlässen offen zu sprechen:
- Was bedeutet für uns Respekt in solchen Situationen?
- Wo beginnt für dich eine Grenze?
- Wie gehen wir mit Flirt um?
- Was würde dich verletzen?
Solche Gespräche sind keine gegenseitige Kontrolle, sondern Ausdruck von Verantwortung füreinander.
Wenn es passiert ist
Wenn eine Grenze überschritten wurde, stehen Paare oft unter starkem emotionalem Druck. Schock, Wut, Scham und Schuld mischen sich. Wichtig ist: Entscheidungen müssen nicht im Affekt getroffen werden.
Forschung zur Bewältigung von Untreue zeigt, dass Transparenz, ehrliche Kommunikation und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, entscheidende Faktoren für mögliche Heilung sind.
Untreue kann eine Beziehung zerstören.
Sie kann aber auch – wenn beide bereit sind hinzusehen – ein Wendepunkt sein, der unausgesprochene Themen sichtbar macht.
Ein abschließender Gedanke
Fasching ist ein Fest der Masken. Beziehungen hingegen leben von Verlässlichkeit und Klarheit. Je klarer Paare wissen, wo ihre Grenzen liegen, desto weniger müssen sie sich vor Ausnahmezuständen fürchten.
Und wenn Unsicherheiten oder alte Konflikte bereits bestehen, lohnt es sich, diese nicht erst dann anzusprechen, wenn Vertrauen bereits erschüttert wurde.
In meiner Praxis begleite ich Paare und Einzelpersonen dabei, Grenzverletzungen einzuordnen, Verantwortung zu klären und wieder eine tragfähige Form von Vertrauen aufzubauen – nicht vorschnell, sondern sorgfältig und respektvoll.
Quellen
Fincham, F. D., & May, R. W. (2017).
Infidelity in romantic relationships. Current Opinion in Psychology.
Knopp, K. et al. (2017).
Predictors of infidelity and its impact on relationships.
Fachliteratur / Therapeutische Quellen:
Clement, U., 2014. Wenn Liebe fremdgeht: Vom richtigen Umgang mit Affären. Ullstein Verlag.