Fremdgehen an Fasching – wenn Grenzen plötzlich verschwimmen

Fasching, Karneval oder Fastnacht gelten als Ausnahmezeit. Rollen dürfen gewechselt werden, Hemmungen sinken, das Leben fühlt sich für ein paar Tage leichter an. Menschen flirten, lachen mehr, trinken mehr – und bewegen sich oft näher an persönlichen oder partnerschaftlichen Grenzen, als sie es im Alltag tun würden.

Gerade in dieser Zeit steigt die Sorge vieler Paare: Was, wenn etwas passiert?
Und auch die Suchanfragen zu Untreue nehmen rund um Karneval regelmäßig zu.

Doch was bedeutet Fremdgehen eigentlich – und warum scheint es gerade im Ausnahmezustand wahrscheinlicher?

Was ist Fremdgehen – und wo beginnen Grenzen?

Untreue ist kein eindeutig definierter Begriff. Für manche beginnt sie erst beim Geschlechtsverkehr, für andere bereits beim intensiven Flirt oder heimlichen Chatten. Forschung zeigt, dass Paare emotionale Untreue – also eine starke, intime Bindung zu einer dritten Person – häufig als ebenso verletzend oder sogar verletzender erleben als rein körperliche Kontakte.

Fremdgehen ist weniger eine objektive Handlung als eine Grenzüberschreitung innerhalb einer konkreten Beziehung. Entscheidend ist nicht, was „man“ darf oder nicht darf, sondern was die Partner:innen füreinander als verbindlich vereinbart oder stillschweigend vorausgesetzt haben.


Warum der Ausnahmezustand wirkt

Mehrere psychologische Faktoren spielen hier zusammen:

Alkohol senkt Hemmungen und reduziert die Fähigkeit, langfristige Konsequenzen mitzudenken.
Gruppendynamik verschiebt Normen – wenn „alle“ ausgelassen flirten, wirkt eigenes Verhalten weniger bedeutsam.
Rollenwechsel und Verkleidung können unbewusst das Gefühl erzeugen, „heute jemand anderes zu sein“.

Studien zu Selbstkontrolle und situativer Enthemmung zeigen, dass Menschen in stark emotionalisierten oder berauschenden Situationen eher impulsiv handeln und weniger an langfristige Beziehungsfolgen denken.

Das bedeutet nicht, dass Alkohol oder Karneval Untreue „verursachen“. Aber sie können bestehende innere Konflikte oder Bedürfnisse leichter an die Oberfläche bringen.Studien zu Selbstkontrolle und situativer Enthemmung zeigen, dass Menschen in emotional geladenen oder berauschenden Situationen eher impulsiv handeln und weniger an langfristige Beziehungsfolgen denken.


Fremdgehen hat selten nur eine Ursache

Untreue entsteht selten aus dem Nichts. Forschung zeigt, dass Affären häufig mit Beziehungsunzufriedenheit, unerfüllten Bedürfnissen oder geringem Commitment zusammenhängen – jedoch nicht zwangsläufig mit fehlender Liebe.

Manche Menschen suchen:

  • Bestätigung und Begehrtheit
  • Aufregung oder Lebendigkeit
  • Ablenkung von innerem Druck
  • oder eine Form von emotionaler Resonanz, die sie gerade vermissen

Das bedeutet nicht, dass Untreue gerechtfertigt ist.
Aber es hilft zu verstehen, dass sie meist ein Symptom ist – kein isolierter Ausrutscher.

Gerade im Fasching kann ein Flirt oder ein Kuss wie eine harmlose Episode wirken. Doch für die Beziehung kann er eine massive Bedeutung haben – vor allem, wenn Vertrauen erschüttert wird.


Was Paare vor solchen Ausnahmesituationen klären sollten

Konflikte entstehen oft nicht durch das Ereignis selbst, sondern durch unterschiedliche Erwartungen. Deshalb kann es hilfreich sein, vor Feiern oder besonderen Anlässen offen zu sprechen:

  • Was bedeutet für uns Respekt in solchen Situationen?
  • Wo beginnt für dich eine Grenze?
  • Wie gehen wir mit Flirt um?
  • Was würde dich verletzen?

Solche Gespräche sind keine gegenseitige Kontrolle, sondern Ausdruck von Verantwortung füreinander.


Wenn es passiert ist

Wenn eine Grenze überschritten wurde, stehen Paare oft unter starkem emotionalem Druck. Schock, Wut, Scham und Schuld mischen sich. Wichtig ist: Entscheidungen müssen nicht im Affekt getroffen werden.

Forschung zur Bewältigung von Untreue zeigt, dass Transparenz, ehrliche Kommunikation und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, entscheidende Faktoren für mögliche Heilung sind.

Untreue kann eine Beziehung zerstören.
Sie kann aber auch – wenn beide bereit sind hinzusehen – ein Wendepunkt sein, der unausgesprochene Themen sichtbar macht.


Ein abschließender Gedanke

Fasching ist ein Fest der Masken. Beziehungen hingegen leben von Verlässlichkeit und Klarheit. Je klarer Paare wissen, wo ihre Grenzen liegen, desto weniger müssen sie sich vor Ausnahmezuständen fürchten.

Und wenn Unsicherheiten oder alte Konflikte bereits bestehen, lohnt es sich, diese nicht erst dann anzusprechen, wenn Vertrauen bereits erschüttert wurde.

In meiner Praxis begleite ich Paare und Einzelpersonen dabei, Grenzverletzungen einzuordnen, Verantwortung zu klären und wieder eine tragfähige Form von Vertrauen aufzubauen – nicht vorschnell, sondern sorgfältig und respektvoll.

Quellen

Fincham, F. D., & May, R. W. (2017).
Infidelity in romantic relationships. Current Opinion in Psychology.
Knopp, K. et al. (2017).
Predictors of infidelity and its impact on relationships.

Fachliteratur / Therapeutische Quellen:
Clement, U., 2014. Wenn Liebe fremdgeht: Vom richtigen Umgang mit Affären. Ullstein Verlag.

Warum Paare immer wieder über das Gleiche streiten

Wiederkehrende Konflikte gehören zu den am häufigsten berichteten Belastungen in Paarbeziehungen. Für viele Paare fühlt es sich so an, als würden dieselben Themen und Muster immer wieder auftauchen – dieselben Vorwürfe, dieselben Auslöser, die gleichen Verletzungen. Dieses wiederholte Erleben kann emotional sehr erschöpfend sein, und oft entsteht das Gefühl: „Wir drehen uns im Kreis.“

In der Praxis berichten Paare häufig davon, dass diese wiederkehrenden Auseinandersetzungen nicht nur inhaltlich frustrieren, sondern tiefer sitzende Bedürfnisse, alte Gewohnheiten und unbewusste Muster sichtbar machen, die im Alltag leicht übersehen werden. Für manche wird der Konflikt zu einem zentralen Stresspunkt, bei dem sich Ohnmacht, Schmerz und Rückzug mischen.


Warum Konflikte häufig wiederkehren

Konflikte sind selten nur Ausdruck unterschiedlicher Meinungen. Häufig zeigen sie, dass emotionale Bedürfnisse, Schutzmechanismen und alte Muster noch nicht erkannt oder angesprochen wurden (Mark et al., 2024). Wiederkehrende Konflikte sind Signale, keine Beziehungsfehler.

Virginia Satir, Pionierin der systemischen Familientherapie, beschrieb Konflikte treffend als „Hunger nach Verbindung in unpassender Kleidung“ – eine tiefere Botschaft, die nicht sofort über Worte kommuniziert wird (Satir, The New Peoplemaking).

Auch John Gottman hat gezeigt, dass nicht die Inhalte der Konflikte entscheidend sind, sondern wie Paare miteinander umgehen, wenn Emotionen hochkochen. Viele Konflikte sind nicht vollständig lösbar, sondern begleiten Beziehungen über Jahre als wiederkehrende Muster, die gelernt und neu gestaltet werden müssen (Gottman, Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe).


Warum wir immer wieder die gleichen Themen streiten

Wiederkehrende Konflikte entstehen selten allein durch unterschiedliche Meinungen. Häufig liegen die Gründe tiefer:

  • Unausgesprochene Erwartungen
  • Alte Erfahrungen aus früheren Beziehungen oder der Herkunftsfamilie
  • Schutzreaktionen, die in stressigen Momenten aktiviert werden
  • Unbewusste Annahmen über Nähe, Sicherheit und Reziprozität

Wenn z. B. wiederholt gesagt wird: „Du hörst mir nie richtig zu“, dann handelt es sich nicht nur um eine Beschwerde über Aufmerksamkeit. Es spiegelt ein tieferliegendes Bedürfnis nach gesehen und verstanden werden wider. Dieses Bedürfnis wird nicht nur über Worte vermittelt, sondern über gesamte Beziehungsdynamiken: Blickkontakt, Emotionen, Timing und Körpersignale.

Forschungsarbeiten zeigen, dass diese Dynamik weit verbreitet ist und viele Paare genau deshalb in der Praxis landen. Konflikte entstehen oft, wenn Emotionen hochkochen und die Partner:innen keine gemeinsam entwickelte Sprache für die zugrunde liegenden Bedürfnisse haben .


Was Paare wirklich brauchen – statt Schuld und Wiederholung

Viele Paare versuchen bereits Lösungen: neue Regeln, mehr Zeit fürs Gespräch, Ratgeber oder Workshops. Diese Maßnahmen sind sinnvoll, treffen aber oft nur die Oberfläche. Forschung und Praxis zeigen, dass Konfliktmuster nicht allein durch Technik verschwinden, sondern durch Verstehen und Einfühlen – durch den Mut, die eigenen inneren Zustände und die des Partners wahrzunehmen.

Wenn Paare hinter die wiederkehrenden Streitpunkte blicken – und die dahinterliegenden Gefühle, Bedürfnisse und Schutzreaktionen erkennen – entdecken sie, dass ein Konflikt oft weniger über den Inhalt als über die Art, wie Nähe, Sicherheit und gegenseitiges Verständnis erlebt oder vermisst werden spricht.


Ein Schlussgedanke – die Last ernst nehmen

Wenn Sie spüren, dass Sie mit immer wiederkehrenden Konflikten zu kämpfen haben, ist das weder ein Zeichen von Schwäche noch von Unfähigkeit. Wiederkehrende Konflikte sind Hinweise darauf, dass emotionale Bereiche Aufmerksamkeit brauchen. Sie können schmerzhaft, ermüdend und entmutigend sein – und dieses Leid ist real und verdient Beachtung.

In meiner Praxis begleite ich Paare dabei, diese Dynamiken gemeinsam zu erforschen und neue Wege der Verständigung zu öffnen – nicht durch schnelle Lösungen, sondern durch ein achtsames Verständnis dessen, was hinter den Konflikten steht, und durch ein entschlossenes Beziehungsengagement, das nicht nur Konflikte verwaltet, sondern Verbindung auf einer tieferen Ebene ermöglicht – nicht perfekter, aber klarer, achtsamer und empathischer.


Quellen 

  1. Mark KP et al., 2024 – Discrepancy in Dyadic Sexual Desire Predicts Sexual Distress in Committed Relationships
  2. Studie zu Stress und Paarinteraktion: Stress und Konfliktinteraktion im Alltag 

Unterschiedliche Lust in der Beziehung: Warum es so schwer ist

Unterschiedliche sexuelle Lust gehört zu den sensibelsten Themen in Paarbeziehungen. Für viele Paare ist sie nicht nur eine theoretische Differenz, sondern ein schmerzhaftes Erleben: Nähe wird vermisst, Gespräche drehen sich im Kreis, und irgendwann entsteht das Gefühl, an genau diesem Punkt nicht mehr zueinanderzufinden.

In der Praxis berichten viele Menschen davon, wie belastend es ist, sich immer wieder zu wünschen – und nicht anzukommen. Andere erleben auf der Gegenseite einen ebenso großen Druck: das Gefühl, Erwartungen nicht erfüllen zu können, verantwortlich zu sein für die Unzufriedenheit des Partners oder der Partnerin. Oft leiden beide – nur auf unterschiedliche Weise.

Die Sexualforschung spricht in diesem Zusammenhang von „Sexual Desire Discrepancy“, also einer Lustdifferenz innerhalb der Beziehung. Gemeint ist damit, dass zwei Menschen ein unterschiedliches Bedürfnis nach sexueller Nähe haben, obwohl sie sich emotional verbunden fühlen. Dieses Phänomen ist weit verbreitet und eines der häufigsten Themen in der Paar- und Sexualtherapie.


Was die Forschung dazu sagt

Neuere Forschung zeigt, dass Differenzen im sexuellen Verlangen zwischen Partner:innen nicht nur häufig vorkommen, sondern auch mit größerem sexuellem Stress und Unzufriedenheit einhergehen – besonders in langfristigen Beziehungen. Die Studien betonen, dass Lustdifferenzen immer im Kontext der Beziehung und des Alltags betrachtet werden müssen und nicht automatisch ein individuelles Defizit darstellen.

Zudem zeigen aktuelle Arbeiten, dass Paare häufig therapeutische Unterstützung suchen – nicht, weil die Beziehung kaputt ist, sondern weil die emotionalen Belastungen durch Lustdifferenzen hoch und spürbar werden.


Warum Lustunterschiede so schmerzhaft werden können

Sexuelle Lust ist keine konstante Größe. Sie reagiert sensibel auf körperliche, psychische und relationale Faktoren: Stress, Erschöpfung, hormonelle Veränderungen, eigenes Körpergefühl, ungelöste Konflikte oder auch das Maß an emotionaler Sicherheit. Dennoch wird Lust in Beziehungen häufig sehr persönlich genommen.

Wenn Nähe wiederholt nicht erwidert wird, entsteht auf der einen Seite oft das Gefühl, nicht begehrenswert oder nicht wichtig zu sein. Auf der anderen Seite kann sich ein zunehmender innerer Rückzug entwickeln – aus Angst, Erwartungen zu enttäuschen oder ständig erklären zu müssen, warum etwas gerade nicht möglich ist. Aus einem Unterschied wird so ein Kreislauf, der beide zunehmend belastet.


Ein häufiges Missverständnis: Weniger Lust bedeutet weniger Liebe

Viele Paare kommen an einen Punkt, an dem die Frage im Raum steht: Wenn du mich liebst – warum willst du mich dann nicht?
Die Forschung zeigt jedoch deutlich, dass sexuelle Lust und emotionale Verbundenheit zwar miteinander zusammenhängen, aber nicht deckungsgleich sind. Lust sagt häufig mehr über innere Zustände, Sicherheit, Stress oder Selbstwahrnehmung aus als über die Tiefe der Beziehung.

Diese Erkenntnis kann entlastend sein – ersetzt aber nicht die Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Leid, das durch anhaltende Lustdifferenzen entsteht.


Was Paare brauchen – jenseits von gut gemeinten Ratschlägen

Viele Paare haben bereits viel versucht: Gespräche geführt, Kompromisse gesucht, sich angepasst oder zurückgenommen. Wenn all das nicht zu einer spürbaren Veränderung führt, entsteht oft Resignation. Genau hier ist es wichtig, den Fokus zu verschieben: weg von der Frage, wer mehr oder weniger will, hin zu der Frage, was zwischen beiden wirkt.

Manchmal braucht es einen Raum, in dem nicht verhandelt oder überzeugt werden muss. Einen Raum, in dem beide Seiten mit ihrem Erleben gesehen werden dürfen – ohne Schuldzuweisung, aber auch ohne Bagatellisierung. Nähe kann sich dort neu zeigen, wo Druck weicht und Verstehen möglich wird.


Ein differenziertes Fazit

Unterschiedliche Lust ist kein persönliches Versagen – sie kann jedoch für Paare hoch belastend sein. Gerade wenn beide Nähe wünschen, aber auf unterschiedlichen Wegen unterwegs sind, entsteht oft ein sehr hoher Leidensdruck, der ernst genommen werden muss.

Lustdifferenzen laden nicht dazu ein, sie „einfach hinzunehmen“. Sie laden dazu ein, genauer hinzuschauen: auf Bedürfnisse, Schutzmechanismen, Alltagsbelastungen und das, was Nähe heute bedeutet.

Manche Paare finden diesen Weg allein. Andere brauchen dabei Unterstützung. In meiner Praxis begleite ich Paare und Einzelpersonen dabei, diese Dynamiken zu verstehen, wieder ins Gespräch zu kommen und neue Wege der Verbindung zu entdecken – ohne Schuld, aber mit Wertschätzung und Sicherheit.


Quellen

  1. Mark KP et al., 2024: Discrepancy in Dyadic Sexual Desire Predicts Sexual Distress in Committed Relationships – PubMed https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38234271/
  2. PMC7058563, 2020: Strategies for Mitigating Sexual Desire Discrepancy in Long-Term Relationships – PubMed Central https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7058563/
  3. Willoughby BJ et al., 2012 / 2025: Sexual desire discrepancy and relational outcomes – PubMed https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40907147/

Gute Vorsätze für Paare: Gemeinsam wachsen statt getrennt verbessern

Vielleicht kennen Sie das: Ein neues Jahr beginnt – und mit ihm ein leiser Impuls, innezuhalten. In der Stille zwischen den Jahren tauchen Fragen auf:
Wie geht es uns eigentlich miteinander?
Nicht als Kritik, sondern als Sehnsucht nach Verbindung, Nähe und einem gemeinsamen Jetzt.

In meiner therapeutischen Arbeit höre ich solche Wünsche häufig – und zugleich die Sorge: Wie kann „mehr Nähe“ im Alltag wirklich gelingen, ohne Druck, ohne Erwartungen?


Gute Vorsätze für Paare – gemeinsam, nicht gegeneinander

Viele Vorsätze in Beziehungen entstehen aus dem Wunsch, etwas „besser zu machen“: mehr reden, weniger streiten, mehr gemeinsame Zeit. Schnell entsteht dabei unbewusst ein Leistungsdruck – entweder an sich selbst oder am Partner.

Wirklich hilfreich ist ein anderer Ansatz: gemeinsam wachsen, statt getrennt verbessern.
Das bedeutet nicht, alles ändern zu müssen. Sondern: bewusst wahrnehmen, wie Beziehung gerade gelebt wird, was funktioniert und wo kleine Anpassungen sinnvoll sind.

Wachstum beginnt nicht mit „Du musst dich ändern“, sondern mit ehrlicher Präsenz: einander zuhören, die Unterschiede respektieren, eigene Bedürfnisse klar sehen – und gleichzeitig die des anderen wahrnehmen.

Warum Rituale oft wirksamer sind als große Vorsätze

Beziehung lebt weniger von großen Entscheidungen als von kleinen, wiederkehrenden Momenten. Rituale sind solche Anker: sie geben Sicherheit, erzeugen Verbundenheit und lassen Nähe im Alltag entstehen.

Ein gutes Ritual:

  • ist einfach und flexibel
  • lebt von Wiederholung, nicht von Perfektion
  • entsteht gemeinsam, nicht durch Druck

Oft reicht es, sich auf ein oder zwei Rituale zu konzentrieren, anstatt große Vorsätze zu formulieren.Kleine Rituale statt großer Versprechen

Zehn kleine Rituale für mehr Nähe im Alltag

Diese Rituale sind Vorschläge – nicht verpflichtend. Sie sollen inspirieren und die Beziehung sanft stärken.

Wiederholung bewusst gestalten
Regelmäßig innehalten: Warum bin ich mit dieser Person zusammen? – das stärkt Wertschätzung und Bindung.Nicht jedes Ritual passt zu jedem Paar. Und keines davon muss perfekt umgesetzt werden, um Wirkung zu entfalten.

Ein bewusster Begrüßungsmoment
Ein kurzer Blick, eine Umarmung oder ein Handgriff – so oft es der Alltag erlaubt.

Kurzer Tages-Check-in
Fragen wie: Wie geht es Ihnen heute – wirklich? – für ehrliche Verbindung, auch in stressigen Zeiten.

Ein fester Paar-Moment pro Woche
Ohne Organisation oder Aufgaben – nur Zeit für Gespräche, Austausch oder stille Nähe.

Berührung ohne Ziel
Händchenhalten, Schulterkontakt, Nähe spüren ohne Erwartung.

Dankbarkeit ausdrücken
Ein kleiner Satz oder eine Nachricht: Ich sehe, dass du etwas Wertvolles beiträgst.

Mini-Inseln der Zweisamkeit
Kurze Spaziergänge, ein Kaffee zusammen am Morgen oder ein Abendritual – klein, aber regelmäßig.

Konflikt-Ritual
Streit gehört zum Leben. Ein Ritual kann sein: eine Pause einlegen, durchatmen, später wertschätzend weitersprechen.

Gemeinsames Lachen bewusst einladen
Humor über den Alltag, kleine Spiele, ein gemeinsamer Witz – Nähe entsteht oft spielerisch.

Rückblick auf den Tag
Kurz reflektieren: Was war schön heute? Was hat uns verbunden?

Präsenz statt Perfektion – Vorsätze als Haltung

Vielleicht ist genau das der zentrale Vorsatz für Paare: nicht mehr wollen, sondern präsenter sein.
Präsenz in Gesprächen, in Blicken, in kleinen Alltagsmomenten.
Nicht alles perfekt machen, sondern bewusst wahrnehmen und wertschätzen, was bereits da ist.

Wenn sich Themen wiederholen, Gespräche festfahren oder Muster blockieren, kann eine therapeutische Begleitungsinnvoll sein – nicht um „Probleme zu reparieren“, sondern um einen Raum zu öffnen, in dem Nähe, Verbundenheit und Entwicklung möglich werden.

Abschlussgedanke

Gute Vorsätze für Paare sind keine To-do-Liste – sie sind eine Einladung:
Bewusster wahrnehmen, einander sehen und kleine Rituale leben.
So kann Nähe im Alltag wachsen – Schritt für Schritt, Tag für Tag, gemeinsam.

Wenn Weihnachten Beziehungen an ihre Grenzen bringt

Weihnachten gilt als Fest der Liebe, der Nähe und der Familie. Und doch erleben viele Menschen genau in dieser Zeit das Gegenteil: innere Anspannung, Enttäuschung, Konflikte oder das schmerzhafte Gefühl, sich als Paar voneinander zu entfernen.

Nicht ohne Grund wird der Dezember immer wieder als Trennungsmonat Nummer eins beschrieben. Eine mögliche Erklärung dafür liegt weniger in einem einzelnen Auslöser als in einer besonderen Verdichtung: Gegen Jahresende kommen Rückblicke, Müdigkeit, emotionale Erwartungen und der Blick auf die kommenden Feiertage zusammen.

Warum ist das so? Warum treffen uns diese Tage emotional oft so viel stärker als andere im Jahr?

Die Last der Erwartungen

Weihnachten ist selten nur ein Datum im Kalender. Für viele Menschen ist es tief verbunden mit Erwartungen, Bildern und inneren Vorstellungen: von Harmonie, von Nähe, von einem idealen Miteinander. Diese Bilder entstehen oft früh – in der eigenen Kindheit.

Manche erinnern sich an vertraute Rituale, an ein Gefühl von Geborgenheit, an das Zusammensein der Familie. Andere verbinden Weihnachten eher mit Spannung, unausgesprochenen Konflikten oder dem Gefühl, funktionieren zu müssen. Ganz gleich, wie diese Erfahrungen waren: Sie wirken nach. Und sie prägen häufig – oft unbewusst – die Erwartungen an das heutige Weihnachtsfest.

In Partnerschaften treffen dann unterschiedliche innere Bilder aufeinander. Vorstellungen davon, wie Weihnachten „sein sollte“. Wünsche danach, es besser zu machen als früher. Oder der Wunsch, es genauso zu erleben, wie man es selbst als Kind kannte – besonders dann, wenn eigene Kinder da sind.


Idealbilder von Familie und Harmonie

Hinzu kommt ein stark idealisiertes Bild von Familie. Weihnachten soll verbinden, heilen, versöhnen. Konflikte haben hier scheinbar keinen Platz. Doch genau dieser Anspruch erzeugt Druck.

Viele Paare versuchen, in wenigen Tagen etwas herzustellen, was im Alltag oft zu kurz kommt: Nähe, Zeit, Austausch, Verbundenheit. Wenn diese Basis im Laufe des Jahres nicht ausreichend gepflegt wurde, ist es kaum möglich, sie ausgerechnet an Weihnachten „nachzuholen“.

Die Enttäuschung ist dann vorprogrammiert – nicht, weil etwas falsch läuft, sondern weil die Erwartungen schlicht zu hoch sind.


Wenn eigene Wünsche und alte Loyalitäten kollidieren

Ein weiterer Belastungsfaktor ist der Wunsch, niemanden zu enttäuschen. Die eigenen Eltern. Die Schwiegerfamilie. Die Kinder.

Viele Menschen erleben Weihnachten als einen Balanceakt zwischen Loyalität und Selbstfürsorge. Zwischen dem Bedürfnis nach Ruhe und dem Anspruch, allen gerecht zu werden. Zwischen Traditionen, die man fortführen möchte, und dem Wunsch nach neuen, passenderen Formen des Feierns.

Am Ende sind es oft nur wenige Tage – und doch sollen sie für alle stimmig sein. Dass das kaum gelingen kann, erzeugt inneren Stress, der sich nicht selten in der Partnerschaft entlädt.


Was in all dem oft verloren geht: Kommunikation

Gerade weil Weihnachten emotional so aufgeladen ist, wäre eines besonders wichtig: frühe, ehrliche und wertschätzende Gespräche.

Was ist mir wirklich wichtig?
Was davon ist Tradition – und was ein echtes Bedürfnis?
Wo bin ich kompromissbereit, wo nicht?
Was wünsche ich mir als Paar, unabhängig von äußeren Erwartungen?

Viele Paare sprechen darüber zu spät – oder gar nicht. Aus Angst, Erwartungen zu zerstören. Aus Rücksicht. Oder weil man glaubt, der andere müsse es doch „eigentlich wissen“.

Doch gerade diese stillen Annahmen führen an Weihnachten besonders häufig zu Enttäuschung.


Neue Wege dürfen entstehen

Ganz wichtig: Weihnachten darf sich verändern. Traditionen sind keine Verpflichtung, sondern Angebote. Und sie dürfen überprüft, angepasst oder auch neu gestaltet werden.

Manche Paare entscheiden sich bewusst für neue Rituale. Andere reduzieren äußere Verpflichtungen. Wieder andere schaffen kleine Inseln der Zweisamkeit innerhalb der Feiertage.

Nicht alles muss perfekt sein. Aber es darf ehrlich sein.


Wenn es sich festgefahren anfühlt

Manche Konflikte zeigen sich an Weihnachten besonders deutlich, weil sie schon lange unter der Oberfläche liegen. Wenn Gespräche immer wieder im Kreis führen, wenn Verletzungen nicht mehr angesprochen werden können oder wenn sich emotionale Distanz verfestigt hat, kann neutrale Unterstützung hilfreich sein.

In meiner Praxis begleite ich Paare und Einzelpersonen dabei, diese Dynamiken zu verstehen, wieder ins Gespräch zu kommen und neue Perspektiven zu entwickeln – nicht nur für die Feiertage, sondern für das gemeinsame Leben darüber hinaus.


Ein abschließender Gedanke

Weihnachten ist kein Prüfstein für die Qualität einer Beziehung. Aber es macht sichtbar, was Aufmerksamkeit braucht.

Manchmal ist genau das der Anfang von Veränderung. Und von mehr Ehrlichkeit, Verbindung und Nähe – auch über diese wenigen Tage hinaus

Wenn Nähe verloren geht: Warum Paare aneinander vorbeifühlen – und wie Verbindung wieder gelingt

Es gibt Momente in Beziehungen, in denen zwei Menschen nebeneinander stehen und sich dennoch weit entfernt fühlen.
Man spricht miteinander, organisiert den Alltag, teilt Verantwortung – und trotzdem entsteht dieses feine, schwer einzuordnende Gefühl: „Irgendetwas geht an uns vorbei.“ 

Dieses Erleben ist weit verbreitet und, das ist wichtig, selten ein Zeichen von „zu wenig Liebe“. Viel häufiger geht es um unerkannte Bedürfnisse, unterschiedliche Arten, Nähe auszudrücken, oder alte Schutzmuster, die sich leise und automatisch in den Vordergrund schieben.

Mit diesem Artikel möchte ich Ihnen Orientierung geben – und vielleicht eine erste innere Entlastung.

1. Warum wir aneinander vorbeifühlen

Viele Paare verlieren sich nicht, weil etwas „falsch läuft“, sondern weil sie innerlich an verschiedenen Stellen stehen. Manche Menschen zeigen Zuneigung über Worte, andere über Berührungen, Fürsorge oder gemeinsame Zeit. Wenn diese emotionalen Sprachen nicht zueinander passen, entsteht leicht das Gefühl, viel zu geben – und dennoch nicht anzukommen.

Dazu kommen oft automatische Schutzreaktionen. Unter Stress oder in Momenten der Verletzlichkeit ziehen sich manche zurück, andere erklären, rechtfertigen oder werden immer aktiver. Wieder andere versuchen, durch Anpassung Konflikte zu vermeiden. Diese Reaktionen sind selten persönlich gemeint; sie sind erlernte Wege, innere Unsicherheit zu regulieren.

Und manchmal wissen wir selbst nicht genau, was wir eigentlich brauchen. Nähe? Ruhe? Bestätigung? Autonomie? Sicherheit? Wenn unsere eigenen Bedürfnisse diffus bleiben, können wir sie kaum verständlich kommunizieren – und unser Gegenüber hat es schwer, sie zu erkennen.


2. Woran Sie erkennen, dass Sie aneinander vorbeifühlen

Oft zeigen sich die ersten Anzeichen nicht in großen Konflikten, sondern in kleinen Verschiebungen: Gespräche klären nichts mehr, sondern drehen sich im Kreis. Gefühle werden benannt, aber nicht richtig verstanden. Ein Partner macht innerlich zu, während der andere ungeduldig oder drängender wird. Manchmal genügt eine winzige Situation, um eine unverhältnismäßige Reaktion auszulösen.

In solchen Momenten fühlen sich beide Seiten häufig nicht richtig gesehen. Es ist wichtig, diese Signale nicht als Scheitern zu deuten. Sie zeigen vielmehr, dass ein bestimmtes Muster aktiv geworden ist – ein Muster, das verstanden werden möchte. Denn erst durch dieses Verstehen wird Veränderung möglich.


3. Wie Paare wieder zueinander finden können

Ein wesentlicher Schritt besteht darin, vom Bewerten ins Verstehen zu wechseln. Gerade dann, wenn es schwierig wird, lohnt sich eine kleine Frage, die viel verändern kann:
„Was möchte mein Partner oder meine Partnerin gerade schützen?“
Hinter vielen Reaktionen steckt nicht Abwehr, sondern ein Bedürfnis – oft eines, das für die Beziehung bedeutsam ist.

Verbindung entsteht außerdem dort, wo Emotionen in Worte gefasst werden. Wenn jemand sagt: „Ich fühle mich unsicher, wenn …“, „Ich wünsche mir, dass …“, oder „Ich merke, es fällt mir schwer, …“, öffnet sich ein Raum, in dem Nähe wieder möglich wird. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck emotionaler Verbundenheit.

Hilfreich kann es auch sein, den Gesprächsrahmen bewusst zu verändern. Feste Zeiten ohne Ablenkung, langsamere und klarere Formulierungen, das Sprechen in der Ich-Form oder das Zuhören ohne sofortige Lösungsvorschläge schaffen eine Atmosphäre, in der beide Seiten sich zeigen können, ohne befürchten zu müssen, überhört zu werden.

Und nicht zuletzt entsteht Verbindung häufig jenseits von Worten: durch eine kurze Berührung, einen Blick, einen Satz wie „Ich möchte, dass es uns gut geht.“
Solche Momente wirken oft unscheinbar – doch sie erinnern beide daran, dass Verbundenheit mehr ist als Kommunikation. Und dass das eigene Empfinden nicht automatisch mit dem Wahrnehmungsfilter des Gegenübers identisch ist.


4. Wann professionelle Begleitung sinnvoll ist

Viele Paare finden aus eigener Kraft zurück in ein gutes Miteinander. Manchmal jedoch sitzen Muster tiefer, sind alte Verletzungen beteiligt oder gerät die Kommunikation an den Punkt, an dem sie kaum noch möglich ist. In solchen Situationen kann professionelle Unterstützung eine wertvolle Entlastung sein.

Eine professionelle Begleitung bietet dann:

  • einen geschützten Raum
  • Struktur
  • klare Orientierung
  • neutrale Perspektive
  • Unterstützung beim Verständnis der Muster beider Partner.

Und vor allem: die Möglichkeit, wieder Kontakt herzustellen – nicht nur im Gespräch, sondern auf emotionaler Ebene


Abschließender Gedanke

Aneinander vorbeizufühlen bedeutet nicht, sich verloren zu haben. Es bedeutet vielmehr, dass ein neuer Weg zueinander beginnt. Gerade in solchen Momenten entsteht die Chance, die Beziehung langfristig zu stärken – indem beide beginnen, einander wieder wirklich zu sehen.